IMPACTS: "Benthic Biodiversity on Old Platforms, Young Wind Farms, and Rocky Reefs" - Coolen et al., 2020
Mit dem fortschreitenden Ausbau der Offshore-Windenergie stellt sich die Frage, wie technische Infrastrukturen langfristig in marine Ökosysteme eingebettet sind und welche Rolle sie als künstliche Habitate für die Biodiversität des Meeresbodens spielen. Der Artikel „Benthic biodiversity on old platforms, young wind farms and rocky reefs“ von Coolen et al. (2020) bietet eine differenzierte und vergleichende Analyse dieser Fragestellung und liefert damit entscheidende Impulse für die Debatte um Rückbaupflichten, Habitatnutzung und marinen Naturschutz im Kontext des Decommissionings.
Die Autor*innen untersuchen benthische Lebensgemeinschaften an drei unterschiedlichen Strukturtypen: ausgediente Öl- und Gasplattformen, neu errichtete Offshore-Windkraftanlagen und natürliche Felsriffe. Ihre Ergebnisse zeigen, dass künstliche Strukturen über die Zeit hinweg hochdiverse Lebensräume ausbilden können, die in ihrer Artenzusammensetzung, funktionellen Diversität und ökologischen Rolle teilweise mit natürlichen Habitaten vergleichbar sind. Besonders ältere Installationen weisen eine ausgeprägte Habitatkomplexität und eine hohe Dichte sessiler sowie mobiler Organismen auf.
Durch die konsequente Verknüpfung ökologischer Langzeitbeobachtungen mit habitattypologischen Analysen plädiert die Studie für eine Neubewertung des ökologischen Werts technogener Strukturen im Meer. Coolen et al. fordern, dass Rückbauentscheidungen nicht ausschließlich aus technischer oder regulatorischer Perspektive getroffen werden dürfen, sondern biodiversitätsbezogene Kriterien wesentlich in die Entscheidungsprozesse integriert werden müssen. Der Artikel liefert damit eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für naturschutzorientierte Decommissioning-Strategien.